FASNET - Verstanden und Gelebt

Um die Fasnet richtig zu erleben, muss man sich der Anfänge bewusst sein und sich daran orientieren. Doch manch Einer meint, die Fasnet besteht in erster Linie aus einer feucht-fröhlichen Saufparty! Und was sollen wir uns heute unter den Anfängen der Fasnet vorstellen? Diesen wollen wir nachstehend auf die Spur gehen.

Erste fasnetliche Spuren finden sich 1330 - von Neuhausen übrigens 1153 - in der Stiftungsurkunde der Sankt Margarethenkaplanei. Hier finden sich u.a. die Erwähnung der Worte „Fasnetszins“ und „Fasnetshenne“. Diese beiden Begriffe wollen wir nachstehend näher betrachten. In dieser Zeit war weder das Land noch das Volk frei, alles gehörte dem in jedem Dorf vorhandenen Ortsadel. Wenn nun eine Familie des „gemeinen Volkes“ ein Stück Ackerland bewirtschaften wollte, so musste für die „großzügige“ Gewährung des „Rechtes“ auf Ackerbau das Volk den größten Teil der Ernte an den Herrn abgeben und auch ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Eine besondere Verpflichtung bestand darin, zu bestimmten Terminen, wie z.B. dem Fasnetsdienstag, der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit den Fasnetszins, zum Beispiel in Form einer Henne, abzuliefern. Das Volk musste an vielen Tagen hungern, lediglich an FAST-NACHT (bevor die österliche Bußzeit beginnt) musste die Herrschaft aufgrund der Feudalverpflichtungen dem männlichen Teil „ihres Volkes“ zu einem Festmahl einladen, bei dem es wirklich an nichts hat fehlen dürfen. Auch in den weiteren Jahrhunderten finden sich viele Beweise, dass „die Obrigkeit“ für die damalige Zeit gar verschwenderische Festmähler veranstaltete, während das Volk zu den meisten Zeiten, wie so oft, ausgesperrt blieb. Dies als Fasnet aus heutiger Sicht zu bezeichnen, stellt also eine gewisse Übertreibung dar.

In der Fasnetszeit im Jahre 1781 konnte die schwäbisch-alemannische Fasnet endlich auch in Katholisch-Neuhausen Fuß fassen. Diese ist durch Verkleidung, Maskierung und dem unerkannten Mummenschanz auf den Straßen und Gassen charakterisiert. Bis dahin beschränkt sich die fasnetliche Überlieferung zwar auf viele Traditionen und Gebräuche, die aber fast alle auf die geistliche und weltliche Obrigkeit beschränkt blieben (siehe auch oben). Dann tauchten mitten in den närrischen Tagen auf einmal maskierte Burschen auf, die in den Gassen Mummenschanz trieben. War dies ein Zeichen des Volkes auch endlich an der Fasnet teilhaben zu dürfen? Dies ist ebenso wenig bekannt wie die Kleidung und Maskierung dieser Narren. Der Vogt bestellte diese jungen Burschen sogleich aufs Amt, ließ sie aber, nachdem sie Besserung gelobt hatten, straffrei ziehen. Das schwäbisch-alemannische Narrentreiben ließ sich aber nicht mehr stoppen. „Den Mummenschanz verbot die Herrschaft von jeher, konnte ihn aber nicht unterdrücken“, weis die Ortschronik zu berichten.

Wie darf man sich Häs und Maske armer Bauersleut vorstellen, deren größte Sorge aller Wahrscheinlichkeit nicht der nächsten Fasnet sondern eher der nächsten Mahlzeit galt? Eines scheint sicher: Ein besonders Häs oder Maske konnte nicht angeschafft werden; es mussten vielmehr alte Kleider verwertet werden. Die Gestalt, die aus diesem wirtschaftlichen und sozialen Hintergrund heraus entstanden ist, ist wahrscheinlich die Schlampe. Es ist historisch zwar nicht belegbar, dass die Schlampe mit diesem Ereignis ihre Geburtsstunde gefunden hat, doch praktisch Betrachtet liegt die Vermutung nahe. Die Bekleidungsformen und Maskierungen einer Schlampe sind Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen unterlegen. Die Schlampe charakterisiert sich seit Anfang an durch das Erscheinungsbild einer alten Frauengestalt, die zumindest früher durch männliche Personen verkörpert wurde. Hierfür sind vermutlich zwei Gründe maßgebend:

Die Figur der Schlampe stellte zunächst ein reines Bauernweib dar. Genau wie die Zeit sich weiterentwickelte, so unterliegt auch die Schlampe bis heute einer andauernden Gestaltsveränderung. Als erste Erneuerung wurden der Schlampe der Regenschirm und der Kinderwagen beigegeben. Die Masken dürften anfänglich ausschließlich aus Stoff bestanden haben. Der Name „Schlampe“ taucht um das Jahr 1900 herum zum ersten Mal in der Ortschronik auf; vermutlich im Zusammenhang mit den Zeitungsberichten von den ersten Fasnetsumzügen. Auch vom Neuhausener Clown/Bajass ist in dieser Zeit erstmals die Rede. Aus den 30er Jahren stammen dann die ersten Photographien der Schlampe. Diese Photos stellen sehr eindruckvoll die damalige Straßenfasnet dar (siehe hierzu die entsprechenden Bilder unter Link Schlampe). Nach dem zweiten Weltkrieg gab es dann die erste bedeutende Änderung bei der Maskierung. Es wurden nun verstärkt Gummi- und Plastikmasken getragen; diese konnten ab dieser Zeit einfach und billig im Kaufhaus bezogen werden. In den 50-iger und 60-iger Jahren verlor die Straßenfasnet Jahr für Jahr immer mehr an Niveau. Warum? Über dies können wir nur Vermutungen äußern. Zunächst kam die Fasnet in der Kriegs- und Nachkriegszeit wie vielerorts zum Erliegen. Ein Teil der männlichen Dorfbevölkerung kehrte von den Schlachtfeldern nicht zurück; gleichzeitig fanden viele Kriegsflüchtlinge in Süddeutschland ihre neue Heimat. So war die Bevölkerung nach dem Krieg also eine völlig andere, zum Teil in den Traditionen der Fasnet nicht verwurzelt. Auch fanden verstärkt großstädtische Besucher aus dem Raum Stuttgart und Esslingen den Weg nach Neuhausen, die persönlich und kulturgeschichtlich mit dem dörflichen Mummenschanz nichts verband. Diese, oben erwähnte, derbe Entwicklung fand Anfang der 60-iger Jahre ihren Höhepunkt. Viele haben das Betreten der offenen Straße gemieden. Mitte der sechziger Jahre fanden daher einige Neuhausener zusammen und es bestand Einigkeit: So kann es nicht weitergehen. Die Straßenfasnet muss zukünftig kontrollierter und organisierter stattfinden. Dieser durchaus richtigen Notwendigkeit wurde dann durch die Gründung eines Narrenvereines Rechnung getragen. Durch die ab 1964 entstandenen Holzmaskengruppen fand nicht nur die Schlampe einen jähen Niedergang, auch die Straßenfasnet fand mit der Zeit nur noch auf Sparflamme statt. Unter den sehr wenigen Schlampen und Narren, die in dieser Zeit überlebten, kamen erstmals, dem Trend folgend, Holzmasken zum Einsatz. Die Gestaltsentwicklung ging und geht weiter.

In dieser für die Schlampe nicht einfachen Zeit hat sich Anfang der 90er Jahre eine erste Schlampengruppe gebildet, die Vorläufergruppe unseres heutigen Vereines. In unserer Gruppe kamen zuerst Pappmaché-Masken zum Einsatz, 1999 fand eine von uns eigens für die Schlampe entwickelte Holzmaske verstärkt Verbreitung.

Dieser Rückblick sollte uns allen bewusst gemacht haben, dass die Schlampe und das in originell gestalteten Phantasiekostümen herumziehen durch die Gassen unseres Ortes, die alte Neuhausener Fasnetstradition ist. Es ist nicht zufällig, dass die geläufigen Bezeichnungen „Schlampen“ und „auf der Gass herumschlampern“ eine gedankliche Nähe aufweisen. Hierfür ist es unerheblich, ob oder in welchen Verein man aktiv ist. Doch in den letzten Jahren ging die Anzahl der „echten Narren“ immer weiter zurück. Erst im Jahr 2000 waren nach längerer Zeit wieder sehr viele und gute Masken auf den Straßen und in den Wirtshäusern. Einen herzlichen Dank an ALLE die dabei waren. Wir konnten auch feststellen, dass die Schlampe, nicht nur durch uns, endlich wieder verstärkt in Erscheinung getreten ist. Hierbei konnten Masken aus verschiedensten Materialen - auch Holz - beobachtet werden. Wir wissen nicht in welchen Variationen und in was für einer Maskierung die Schlampe in 50 Jahren unterwegs ist. Dies ist uns auch nicht so wichtig. Uns ist vielmehr daran gelegen, dass in der Zukunft die Schlampe überhaupt noch auf der Gass präsent ist. Dies zu fördern und sicherzustellen sehen wir als unsere größte Aufgabe in der Zukunft an. Über jeden, der uns auf diesem Weg unterstützt, sei es durch Zuspruch, aktive oder passive Mitgliedschaft, konstruktive Kritik oder einfach durch "herumschlampern auf der Gass", werden wir uns sehr freuen.

Freie Narren Neuhausen e.V. - Kompetenz in schlampigen Angelegenheiten